ulbricht
Gehörlos und dement – Was nun?
Referentinnen: Anke Dieberg (vormals Stilgenbauer),
Andrea Huckemeier (Kompetenzzentrum Gehörlose Menschen im Alter, Essen)
Immer mehr ältere Menschen leiden unter Demenz. Die besondere Situation hörgeschädigter Senioren ist aber bisher kaum erforscht. So interessierten sich viele gehörlose, schwerhörige und hörende Besucher für dieses Thema. Die beiden Referentinnen berichteten über das Modellprojekt GIA, über Demenz und ihre Anzeichen, über den Umgang mit dementen Menschen, die besondere kommunikative Situation gehörloser Senioren und über Hilfs- und Entlastungsangebote für Angehörige. Der sehr informative Vortrag endete mit einer wichtigen Feststellung: Der Mensch mit Demenz bleibt ein Mensch und hat ein Recht auf Respekt, Würde und Lebensqualität.
Für alle, die die Präsentation der Veranstaltung nachlesen möchten:
Präsentation
Links: Modellprojekt Universität Köln GIA -Gehörlose Menschen im Alter
Kompetenzzentrum Gehörlose Menschen in Essen mit Flyern zum Ausdrucken
Moderation:
Katrin Müller
Gebärdensprachdolmetschen:
Bastienne Blatz, Sandra Wolfien (Skarabee)
Schriftdolmetschen:
Cornelia Krajewski, Mario Kaul
Fotos:
Frank Brüggemann
Inklusion für hörbehinderte Schüler – sind wir auf dem richtigen Weg?
Podiumsdiskussion (Vorträge Dr. Ulrich Hase, Gabriele Mauermann)
Mit knapp 200 Besuchern war dieses Kofo so gut besucht wie selten. Lehrer, Eltern, Schüler, Verbandsvertreter, erwachsene hörbehinderte Menschen und (fast) alle Landtagsfraktionen waren vertreten.
Nach einem engagierten Impulsreferat von Dr. Ulrich Hase erläuterte die Ministerialrätin Gabriele Mauermann den Stand der Umsetzung des 9. Schulrechtsänderungsgesetzes in NRW.
In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass alle Betroffenen die Beibehaltung (aber auch Verbesserung) der Förderschulen neben der Regelbeschulung wünschen. Die neu zu bildenden Schwerpunktschulen sollten auf die Bedürfnisse hörbehinderter Schüler gut angepasst sein und das Unterrichtsfach Deutsche Gebärdensprache einen festen Platz erhalten.
Die Publikumsdiskussion zeigte, dass viele Probleme im Detail liegen: Regelschule für ein gehörloses Kind ja, aber kein Geld für Gebärdensprachdolmetscher; Benachteiligung der Förderschulen bei Vertretungsunterricht; Vereinzelung der Förderschullehrer an allgemeinbildenden Schulen, um nur einige Beispiele zu nennen.
Um 21.40 musste der Moderator Wolfgang Kleinöder die Diskussion beenden und schlug vor, dieses Thema zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal aufzugreifen und die Schüler als wichtigste Gruppe stärker einzubeziehen.
Ministerium und Politiker haben – wie Frau Mauermann bemerkte – hörbehinderte Menschen wieder einmal als „kritisches Publikum“ wahrgenommen. So soll es bleiben.
Für alle, die die Beiträge der Veranstaltung nachlesen möchten:
– Präsentation (Gabriele Mauermann)
– Protokoll (auf der Grundlage der Mitschrift der Schriftdolmetscher) mit Kurzvorstellung der Podiumsgäste
Queer – Was ist schon normal?
Referentinnen: Swantje Marks (Studentin) und
Lena Brückmann (Gebärdensprachdolmetscherin)
An diesem Kofo hatten viele junge Menschen Interesse. Swantje und Lena referierten locker und als gut eingespieltes Team. Zuerst erklärten sie den Begriff “Queer”. Seit den 1990er Jahren bezeichnen sich damit Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen. Mit der Frage: “Was ist typisch Mann?” “Was ist typisch Frau?” verdeutlichen sie die gesellschaftlichen Rollenerwartungen. Der Hammer landete in der blauen Kiste, der Spiegel in der rosa Kiste. Im Laufe des Vortrags wurde klar, dass diese Erwartungen auf viele Menschen nicht passen. Es gibt viel mehr Möglichkeiten der Sexualität (ebenso wie es auch asexuelles Verhalten gibt). Die Referentinnen erklärten unterschiedliche sexuelle Orientierungen und Intersexualität. Für diejenigen, die aus der “Norm” fallen, ist es schwierig, ihre sexuelle Identität zu finden und zu leben.
In der anschließenden Diskussion gab es viele Fragen, z.B. zur rechtlichen Situation bei Geschlechtsänderungen. Ein Teilnehmer meinte auch, dass die Gesellschaft sich öffnet. Z.B. in der Mode gibt es immer weniger geschlechts”typische” Normen.
Vielleicht wäre es für ein solches Thema besser, einen lockeren, offenen Rahmen zu schaffen: ohne Bühne, mit direktem Kontakt zum Publikum. Wie man das barrierefrei realisieren kann, müssen wir für zukünftige Veranstaltungen überlegen.
Taube Gebärdensprachdolmetscher – Was sind die Voraussetzungen? Wo werden sie eingesetzt? Wie arbeiten sie?
Taube Gebärdensprachdolmetscher – Was sind die Voraussetzungen? Wo werden sie eingesetzt? Wie arbeiten sie?
Referent: Ege Karar
(Sozialpädagoge und TGSD, Aachen)
Ein interessiertes Publikum hat sich zu unserem ersten Kofo in diesem Jahr eingefunden. Es gab offensichtlich sehr viel Aufklärungsbedarf. Viele konnten sich vor der Veranstaltung nicht vorstellen, was genau die Aufgaben und Einsatzbereiche eines tauben Gebärdensprachdolmetschers sind.
Ege Karar schaffte es, mit einem klar strukturierten und gut verständlichen Vortrag diese Informationslücken zu füllen. Es gelang ihm auch, durch Praxisbeispiele den Vortrag lebendig und anschaulich zu gestalten: Freiwillige aus dem Publikum probten mit viel Lacherfolg ihren Einsatz als „Feeder“ und Videobeispiele zeigten den Dolmetschereinsatz im Ausland. Zum Abschluss ging der Referent auf bestehende Probleme und Herausforderungen ein, z.B. die Anerkennung durch Kostenträger. Die anschließende Diskussion war sehr lebhaft und vertiefte die Informationen.
Eine kurze Vorstellung des Referenten und Links zu interessanten Videos zum Thema sind hier nachzulesen.
Ege empfahl auch zwei Artikel von Patrick Boudreault (über die Geschichte der Professionalisierung und die Arbeit von gl Gebärdensprachdolmetschern) veröffentlicht in DAS ZEICHEN 2010:
Gehörlose Dolmetscher in Kanada, Teil 1 und Teil 2
Moderation:
Katrin Müller
Gebärdensprachdolmetschen:
Magdalena Meisen, Sandra Wolfien (Skarabee)
Schriftdolmetschen:
Cornelia Krajewski, Sabine Schlüß
Fotos:
Frank Brüggemann
Partnerschaften zwischen Hörbehinderten und Hörenden – kann das gutgehen? Podiumsdiskussion
Partnerschaften zwischen Hörbehinderten und Hörenden – kann das gutgehen? Podiumsdiskussion
Referent: Dr. Oliver Rien (Dipl.-Psychologe)
Dieses Thema stieß auf großes Interesse, die Mensa war voll besetzt. Oliver Rien eröffnete die Veranstaltung mit einer lockeren und humorvollen Präsentation. Warum verliebt man sich überhaupt in eine bestimmte Person? In jungen Jahren ist oft das Aussehen entscheidend, später werden innere Werte und gemeinsame Interessen wichtiger. Man gründet eine Familie und hofft, dass die Partnerschaft hält. Damit scheitern schon viele hörende Paare.
Besser und schlechter Hörende (oder Hörende und Gehörlose) müssen zusätzlich die Kommunikationsklippen überwinden. Oliver berichtete von Beispielen, die vielen auf dem Podium und im Publikum bekannt sein mussten… Wie haben es die Podiumsgäste geschafft, ihre Liebe trotz der Hörschädigung zu meistern?
Vier „gemischte“ Paare waren so mutig und stellten sich den Fragen der Moderatorin und des Publikums: Ingrid und Wolfgang Graumann (sh/hd), Anika Kott und ihr Lebenspartner Roland Arendt (sh/hd), das junge Paar Lemonia und Thorsten Rose (gl/hd), und das ältere Paar Ursula und Günther Mönkhoff (hd/gl).
Es lohnt sich, die Podiumsdiskussion nachzulesen.
Die Paargruppe des DSB Ortsvereins Essen freut sich auf neue Mitglieder! Hier ist eine Information und eine Einladung zum nächsten Treffen.
Lebenswege für gehörlose Kinder – mit und ohne Cochlear Implant
Referenten: Liane Boy (gl) und Uwe v. Stosch (hd),
Mitarbeiter der Initiative GIB ZEIT
Das Internet eröffnet immer mehr Kommunikationsmöglichkeiten für hörbehinderte Menschen. Zwei neue Angebote haben wir auf diesem Kofo vorgestellt – und waren erleichtert, dass der technische Ablauf wunderbar klappte:
Marion Köppel von VerbaVoice informierte über Deutschlands ersten mobilen Schriftdolmetschdienst. Über Notebook oder sogar Handy kann man mitlesen was gesprochen wird. Die Referentin demonstrierte eine Life-Mitschrift. Der Dolmetscher wird dabei über das Internet zugeschaltet und muss nicht persönlich anwesend sein. Auch die Transkription englischer Vorträge ist zurzeit schon möglich – ein großer Vorteil für den Einsatz im Studium. In Zukunft wird es mit VerbaSign auch Angebote für gebärdensprachorientierte Nutzer geben. www.verbavoice.de
ZignoO-Videomail ist eine Kommunikationsplattform, die vollständig auf die Bedürfnisse gebärdensprachlich kommunizierender Menschen abgestimmt ist. Ohne zusätzliche Software kann man durch Videomails überall auf der Welt miteinander in Kontakt treten, nur eine Webcam ist nötig. Der Referent Knut Weinmeister erklärte die Nutzung dieser Plattform, die mit Basis-Funktionen kostenlos angeboten wird. Die Verwaltung der Mails ist genauso einfach wie bei herkömmlichen Mailprogrammen. Der Datenschutz wird ebenso gewährt: Nur die Empfänger können das Video unter www.zignoo.com (die Domaine existiert nicht mehr) schauen.
Während und nach dem Kofo gab es noch zahlreiche Nachfragen. Wir hoffen, dass unsere Besucher mit vielen neuen Anregungen nach Hause gefahren sind.
Burnout bei Hörgeschädigten
Referentin: Ulla Liss
(Dipl.-Psychologin, Dipl.-Sozialwiss.)
An diesem Kofo-Abend wurden wir von einem Besucheransturm überrascht: Ca. 120 Besucherinnen und Besucher drängten sich in der Mensa des Internates. Ein deutlicher Hinweis, dass dieses Thema viele Menschen betrifft. Aber auch ca 20 Schüler der Gymnasialen Oberstufe mit ihren Lehrern waren unter den Gästen – sie wollten diese Veranstaltung in Hinblick auf Kommunikation und Verständlichkeit kritisch bewerten. Vielen Dank an Schüler und Lehrer für ihr Feedback!
Frau Liss begann mit dem Begriff „Burnout“ und erklärte, dass es sich nicht um eine anerkannte medizinische Diagnose handelt – im Gegensatz zur Depression. Man muss unterscheiden: Handelt es sich nur um Erschöpfungszustände durch Stress (beruflich und/oder privat), dann kann man durch Erholungspausen und eine geänderte Lebensweise (Sport, Entspannung) wieder zur normalen Balance zurückfinden. Hat man aber Ängste, Schlaflosigkeit, Depression – dann braucht man ärztliche Hilfe. Für hörgeschädigte Arbeitnehmer gibt es mehr Stress-Faktoren: Angst vor Arbeitsplatzverlust, Anstrengung durch Kommunikation, langweilige Arbeit, Abwertung. Anerkennung für geleistete Arbeit ist für alle Arbeitnehmer wichtig und ein Schutz vor Burnout. In der anschließenden Diskussion wurden – wie so oft – noch viele interessante Aspekte diskutiert.
Wer Interesse hat, kann sich im Internet zu diesem Thema weiter informieren. In der Präsentation gibt es dazu wichtige Webtipps. Außerdem kann man die Tabellen noch einmal anschauen, die leider in den letzten Reihen der vollen Mensa kaum zu lesen waren.
Yoga für Hörgeschädigte
Referentin: Betty Schätzchen
(schwerhörig, Yogalehrerin und Heilpraktikerin, Berlin)
Betty Schätzchen begann ihren Vortrag mit einer Einführung in die verschiedenen Yoga-Techniken. Zum Glück mussten die Zuschauer nicht alle Praktiken ausführen, aber bei einigen einfachen Übungen konnten alle mitmachen. Betty demonstrierte dabei auch, wie sie mit hörgeschädigten Kursteilnehmern arbeitet. Das waren neue Erfahrungen – denn bisher fragten sich viele, wie man diese wohltuenden Entspannungsübungen ohne Hören ausführen kann. Allerdings braucht man dafür auch besonders vorbereitete Yogalehrer, die wissen, was eine Hörbehinderung bedeutet, die bestimmte Schritte einhalten und gut kommunizieren können. Ein Einsatz von Dolmetschern ist nicht sinnvoll.
In der anschließenden Diskussion antwortete sie sehr fachkompetent auf alle Fragen, auch über Anpassung der Übungen bei bestimmten Krankheiten wie Asthma oder bei einer Schwangerschaft. Die Fragesteller waren kaum zu bremsen und nach 21 Uhr musste Kamü leider die Veranstaltung beenden.
Betty begeisterte die ZuschauerInnen durch ihren ausdrucksstarken Vortrag in DGS und durch ihre offene und sympathische Art. Wenn sie im Ruhrgebiet praktizieren würde, hätte sie jetzt viele neue KursteilnehmerInnen gewonnen 🙂
Zur Person Betty Schätzchen mit Webadresse
Gehörlose Menschen in der Politik? Na klar!
Referent: Lutz Pepping (Lehramtsanwärter, Berlin)
Ein spannendes Thema, denn noch vor wenigen Jahrzehnten schien es undenkbar, dass gehörlose Menschen auch Parlamente erobern und in der Politik aktiv mitmischen. Helene Jarmer im österreichischen Nationalrat ist mittlerweile vielen bekannt. In Deutschland hat es Martin Zierold in die Bezirksvertretung von Berlin geschafft. Sein Sprungbrett war eine Gruppe junger Gehörloser, die sich in der GRÜNEN JUGEND engagieren, darunter auch Lutz Pepping.
Lutz, den wir schon zum zweiten Mal auf der Kofobühne begrüßen konnten, erklärte zu Beginn seines Vortrags die Bedeutung von Politik für uns alle und wies auf die große Chance hin, sich in einer Demokratie für die eigenen Interessen einsetzen zu können. Kommunikative und kulturelle Barrieren mögen dazu beitragen, dass gehörlose Menschen vor einer Zusammenarbeit mit Hörenden in der Politik zurückschrecken. Aber auch dafür nannte der Referent Lösungsmöglichkeiten. Eigene politische Erfahrungen und eine kurze Darstellung prominenter gehörloser Politiker rundeten den interessanten Vortrag ab.
Leider musste an diesem Abend das Kofo gegen die Fußball-EM konkurrieren. Deutschland gegen die Niederlande wurde um 20.45 Uhr angepfiffen. Philipp Wacker hatte Uhr und Ablauf immer im Blick und bestand souverän sein Debut als Moderator.
Hier kann sich jeder in Ruhe über den Referenten und das Thema informieren:
Zur Person Lutz Pepping mit Links zu Videos , Bericht Life InSight 1. workshop 2010 , Bericht Life Insight 2. workshop 2011 Bericht Life InSight Bundeskongress 2011 / Sprachenpolitik
Moderation:
Philipp Wacker
Gebärdensprachdolmetschen:
Magdalena Meisen, Sandra Wolfien (Skarabee)
Schriftdolmetschen:
Cornelia Krajewski, Sabine Schlüß
Fotos:
Frank Brüggemann