ulbricht
Wir Gehörlose und unsere Geschichte – auf der Suche nach unseren historischen Wurzeln
Referent: Dr. Chrissostomos Papaspyrou
(Linguist, Chemiker und Schulleiter, Athen)
Nach 7 Jahren konnten wir Chrissostomos Papaspyrou endlich wieder auf der Kofobühne begrüßen. Er brachte ein spannendes Thema mit, für das einige Besucher von weit her anreisten. Nach einer Vorstellung seiner Person begann der Streifzug durch die Geschichte gehörloser Menschen mit den antiken Philosophen Platon und Aristoteles, die unterschiedliche Sichtweisen auf gehörlose Menschen hatten. Interessant war, dass diese verschiedenen Ansichten bis in die Neuzeit wirkten. Die Ausbreitung der Gebärdensprachen, der Beginn schulischer Bildung und die Auswirkungen des Mailänder Kongresses bis hin zur Aufhebung dieser Beschlüsse durch den Kongress von Vancouver 2010 war ein weiterer Schwerpunkt seines Vortrages. Darüber hinaus stellte er dem Publikum wichtige Persönlichkeiten Gehörloser aus den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Politik vor. Chrissostomos betonte, dass es sich hier nur um eine Auswahl handelt. Sie dienen als Beispiel für bisherige herausragende Leistungen. Durch die Anerkennung der Gebärdensprachen und der Kultur beginnt eine große Herausforderung, der sich alle mit Verantwortung und Würde stellen können.
Es war ein interessanter und – wie von Chrissostomos gewohnt – sehr lebendig präsentierter Vortrag, der auf großes Interesse stieß und zu engagierten Diskussionen führte.
Der Referent hat uns seinen Vortrag und für wissenschaftlich Interessierte auch die Quellenangaben zur Verfügung gestellt. Die Dateigröße ist hier stark reduziert, zum Nachlesen aber gut geeignet:
Vortrag Teil 1, Vortrag Teil 2, Quellenangaben
Wer mehr über den Referenten erfahren möchte: Hier ist eine kurze Darstellung seiner Biografie Zur Person
Musik erleben mit allen Sinnen
Referentin: Yvonne Weber-Kaltenbrunn
(Dipl.-Sportlehrerin, Musiktherapeutin am Implant Centrum Freiburg)
Musik – ist das nicht ein heikles Thema für Hörbehinderte? Viele schwerhörige und gehörlose Menschen, die Musik praktizieren, wissen es besser. Und so sind zu diesem Kofo auch einige Besucher gekommen, die selbst mit Spaß Musik machen.
Yvonne Weber hat aber auch alle anderen Zuschauer zum Mitmachen motiviert: Trommeln, Fingerklaviere, Klangschalen und Windspiele wurden ausprobiert.
Allen Ängstlichen hat sie Mut gemacht: Musik muss nicht perfekt klingen, sie kann „schräg“ sein, so hat die Referentin Musik während eines längeren Aufenthaltes in Westafrika erlebt. Gesang, Klang, Tanz und Rhythmus gehören dort zum Alltag.
In ihrem Vortrag berichtete die Referentin über ihre Arbeit als Musiktherapeutin am Implant Centrum Freiburg, das seit 2008 Musiktherapie im Rehabilitationskonzept anbietet. Yvonne Weber-Kaltenbrunn orientiert sich an der „leiborientierten“ Musiktherapie. Hier steht nicht das auditive Hören im Vordergrund, sondern das ganzkörperliche Erleben von Musik. Man erfährt neue Wahrnehmungs- und Ausdrucksmöglichkeiten, ganz ohne Anstrengung auf Sprache. Spaß und Entspannung unterstützen den therapeutischen Erfolg.
In der anschließenden Diskussion stellte sich auch der Chor „TonZeichen“ vor. Die schwerhörigen Chormitglieder waren fast vollzählig vertreten. Ein gehörloser Teilnehmer fragte, ob denn alle Bereiche des Musikerlebens auch von voll tauben Menschen erfahren werden können. Seine früheren Musik- und Tanzerfahrungen in Diskotheken hat er als gymnastische Anstrengung mit anschließendem Muskelkater in Erinnerung…
So war es eine unterhaltsame, aber vor allem auch interessante Veranstaltung mit vielen neuen Aspekten. Hier eine kurze Biografie der Referentin mit Kontaktadresse: Zur Person
Neue Kommunikationsangebote für Hörbehinderte: VerbaVoice und Videomail
Referenten: Marion Köppel (VerbaVoice), Knut Weinmeister (ZignoO)
Das Internet eröffnet immer mehr Kommunikationsmöglichkeiten für hörbehinderte Menschen. Zwei neue Angebote haben wir auf diesem Kofo vorgestellt – und waren erleichtert, dass der technische Ablauf wunderbar klappte:
Marion Köppel von VerbaVoice informierte über Deutschlands ersten mobilen Schriftdolmetschdienst. Über Notebook oder sogar Handy kann man mitlesen was gesprochen wird. Die Referentin demonstrierte eine Life-Mitschrift. Der Dolmetscher wird dabei über das Internet zugeschaltet und muss nicht persönlich anwesend sein. Auch die Transkription englischer Vorträge ist zurzeit schon möglich – ein großer Vorteil für den Einsatz im Studium. In Zukunft wird es mit VerbaSign auch Angebote für gebärdensprachorientierte Nutzer geben. www.verbavoice.de
ZignoO-Videomail ist eine Kommunikationsplattform, die vollständig auf die Bedürfnisse gebärdensprachlich kommunizierender Menschen abgestimmt ist. Ohne zusätzliche Software kann man durch Videomails überall auf der Welt miteinander in Kontakt treten, nur eine Webcam ist nötig. Der Referent Knut Weinmeister erklärte die Nutzung dieser Plattform, die mit Basis-Funktionen kostenlos angeboten wird. Die Verwaltung der Mails ist genauso einfach wie bei herkömmlichen Mailprogrammen. Der Datenschutz wird ebenso gewährt: Nur die Empfänger können das Video schauen. www.zignoo.com/
Während und nach dem Kofo gab es noch zahlreiche Nachfragen. Wir hoffen, dass unsere Besucher mit vielen neuen Anregungen nach Hause gefahren sind.
Hörschädigung durch Medikamente
Referentin: Ilse Grinz (Vorsitzende DSB-Ortsverein Essen)
Es ist bekannt, dass Krankheiten zu Hörschädigung und Ertaubung führen können. Aber nur wenige wissen, dass auch Medikamente Schwerhörigkeit oder Ertaubung verursachen können.
Ilse Grinz, selbst im Erwachsenenalter durch Medikamente ertaubt, erklärte
auf diesem Kofo den Zusammenhang zwischen Medikamentengabe und Hörschädigung. Sie verzichtete auf “Fachchinesisch” und so war ihr Vortrag für Laien sehr gut verständlich. Obwohl großes Interesse im Vorfeld geäußert wurde, kamen an diesem Abend weniger Zuschauer als üblich.
Zum Nachlesen für unsere Kofo-Gäste und zur Information für alle, die nicht persönlich kommen konnten, haben wir den Vortrag in diesem Bericht zusammengefasst. Dort gibt es auch Links zu weiteren Veröffentlichungen.
Durch Australien mit Work and Travel
Referentin: Swantje Marks (Studentin, Berlin)
Auch dieses Kofo war sehr gut besucht: zahlreiche junge, aber auch einige ältere Besucher interessierten sich für den Vortrag von Swantje Marks. Die Referentin war aus Berlin angereist, um über ihren Aufenthalt in Australien zu berichten. Nach ihrem Abitur 2009 reiste sie mit dem Programm „Work and Travel“ für mehr als 10 Monate durch den Kontinent, lebte und arbeitete u.a. in den Städten Melbourne, Sydney, Brisbane und Perth.
In ihrem Vortrag erklärte sie zunächst die Bedingungen für das Working Holiday Visum und berichtete dann über ihre verschiedenen Arbeitsstellen: In der Landwirtschaft, beim Schiffsbau, als Hauswirtschafterin. Ganz schön mutig, sich auf diese unterschiedlichen Bedingungen einzulassen. Natürlich erfuhren wir auch über Begegnungen mit gehörlosen Australiern: Swantje nahm an einem Sport- und Erholungscamp teil (Deaf Sports and Recreation) und besuchte Gehörlosenvereine. Die Natur ist in Australien immer gegenwärtig – Waldbrände, Sandstürme, Wasserknappheit und Erlebnisse mit wilden Tieren gehören zum Alltag.
Ein schöner Zufall war, dass ein gehörloses Ehepaar aus Australien gerade in Essen zu Besuch war und in der Diskussion auch Fragen aus dem Publikum beantworten konnte (“Was ist in Deutschland anders als in Australien?”.. “Die vielen Menschen..”). Unsere Moderatorin Kamü betätigte sich als Relaisdolmetscherin.
Nach Ende dieser lebendigen und sehr informativen Veranstaltung wurde in der Kneipe noch weiter diskutiert…
Diversity-Denken: Was ist das und was bringt uns das?
Referentin: Christine Linnartz (Dipl.-Sozialarbeiterin, Vizepräsidentin des Deutschen Gehörlosen-Bundes)
Christine Linnartz faszinierte mit ihrem ausdrucksstarken Vortrag das Publikum. “Diversity-Denken” ist in Deutschland noch weitgehend unbekannt und so war ihr Vortrag eine wichtige Einführung. Sie erklärte die Bedeutung für den Einzelnen („bei Diversity geht’s vor allem um dich“) und für die Gemeinschaft – besonders auch für die Deaf community. Toleranz und Respekt für unterschiedliche Sichtweisen und Lebensformen ist die Voraussetzung für Inklusion.
Der Inhalt ihres Vortrags war allerdings so umfassend, dass für eine Diskussion wenig Zeit blieb. Die praktische Umsetzung der theoretischen Ansätze – auch in Hinblick auf Menschen mit Behinderung – wäre ein spannendes Thema für einen späteren Workshop.
Wer sich über die interessante Biografie der Referentin und noch einmal zum Thema informieren möchte:
Biografie & Links
Klimawandel und globale Erwärmung
Referent: Hans-Holger Miebach
(Dipl.-Informatiker, gehörlos)
Die globale Erwärmung ist das größte Umweltproblem unseres Planeten. Hans-Holger Miebach gelang es wieder, naturwissenschaftliche Zusammenhänge verständlich zu erklären. Er beschrieb zunächst den natürlichen und notwendigen Treibhauseffekt. Seit einigen Jahrzehnten wird auch der anthropogene (=von Menschen verursachte) Treibhauseffekt beobachtet, der zur globalen Erwärmung führt mit schlimmen Folgen – Waldbrände, Stürme, Starkregen, schmelzende Polkappen. Aber wir können etwas tun: Die Regierungen können günstige Rahmenbedingungen schaffen, technische Alternativen z.B. für die Energieerzeugung können entwickelt werden, jeder Einzelne kann durch umweltbewusstes Verhalten das Klima schützen. Mit einem eindrucksvollen Foto der Erde aus dem Weltraum beendete der Referent seinen Vortrag: Ein anderes Zuhause haben wir nicht.
Wir danken Hans-Holger Miebach, dass er uns seinen eindrucksvollen Vortrag mit vielen Schaubildern zur Verfügung gestellt hat:
Vortrag Klimawandel und globale Erwärmung
Liegt die Zukunft in Fremont? Eine Eliteschule für Gehörlose und Schwerhörige in Kalifornien
Liegt die Zukunft in Fremont? Eine Eliteschule für Gehörlose und Schwerhörige in Kalifornien
Referent: Lutz Pepping
(Lehramtsstudent, gehörlos)
Der Blick über den Tellerrand, die Erweiterung der eigenen Perspektive – das sind Ziele, die das Kofo Essen verfolgt.
Dafür hat diese Kofo-Veranstaltung einen wichtigen Beitrag geleistet. Lutz Pepping berichtete über sein Praktikum bei der renommierten California School for the Deaf im Spätsommer 2010. Diese Schule bietet für gebärdensprachorientierte gehörlose und schwerhörige Schüler ein bilinguales und bikulturelles Bildungsangebot auf hohem Niveau. Empowerment wird großgeschrieben – die Absolventen sollen in der Lage sein, sich in einer Gesellschaft mit wachsenden Anforderungen behaupten zu können.
Lutz stellte die fünf Bereiche dieser Schule vor – von der Early Childhood Education bis zur High School und ergänzte seine Erklärungen mit Filmausschnitten aus der Website der Schule, die überwiegend von Schülern betrieben wird.
Ein Artikel über das Praktikum ist in der Ausgabe 87 (März 2011) von „Das Zeichen“ erschienen. Mit Einverständnis des Autors und der Redaktion dürfen wir den Artikel zur Verfügung stellen: Liegt die Zukunft in Fremont (USA)?
Hier noch eine Biografie mit Kontaktadressen zu Referent und Schule.
Moderation:
Katrin Müller
Gebärdensprachdolmetschen:
Bastienne Blatz, Dorothea Funk (Skarabee)
Schriftdolmetschen:
Cornelia Krajewski, Susanne Lipka
Fotos:
Ingo Langner (igraphics)
Steuertipps für Hörgeschädigte
Referent: Christof Eggert
(Steuerberater, schwerhörig)
Viele Arbeitnehmer verschenken aus Unwissenheit Steuergelder.
Eine Steuererklärung ist – zugegeben – eine lästige Angelegenheit. Man kann aber jede Menge Geld sparen, wenn man gut informiert ist. Ca. 60 Kofo-Besucher, darunter auch viele junge Menschen, wollten es genau wissen.
Christof Eggert ist Fachmann und gab aus seiner langjährigen Berufserfahrung zahlreiche Tipps, wie man Steuern sparen kann. Er richtete sich dabei besonders an gehörlose und schwerhörige Steuerzahler. Einige dieser Tipps kann man sicher schon bei der kommenden Steuererklärung berücksichtigen.
Im Kofo-Bericht können Sie die wichtigsten Tipps aus seinem Vortrag nachlesen.
Moderation:
Ilse Grinz
Gebärdensprachdolmetschen:
Bastienne Blatz, Roman von Berg (Skarabee)
Schriftdolmetschen:
Sabine Schlüß, Cornelia Krajewski
Fotos:
Ingo Langner (igraphics)