ulbricht
Multiple Sklerose
Annette Bach
(Gebärdensprachdozentin, Erbach)
Annette Bach begann ihren Vortrag mit dem wichtigen Hinweis, dass sie keine Ärztin ist und daher auch nicht fachkundig über Medikamente und Therapien berichten kann.
Sie hat Erfahrungen als Selbstbetroffene und möchte vor allem über ihr Leben mit Multipler Sklerose referieren. MS gilt als Krankheit mit tausend Gesichtern – sie kann sehr unterschiedlich verlaufen. Die Therapiemöglichkeiten heute sind viel besser als in früheren Jahren – niemand muss also damit rechnen, schnell im Rollstuhl zu landen.
Dennoch war die Diagnose vor 11 Jahren für die Mutter von zwei kleinen Kindern zunächst der Weltuntergang. Erst allmählich hat sie realisiert, dass sich ihr Leben nun ändern muss. Sie hat ihre Ernährung umgestellt, es geschafft, das Rauchen aufzugeben und ihre Wohnungseinrichtung angepasst, um unnötige, einseitige Bewegungen zu vermeiden. Sport tut ihr gut, aber mit Pausen, ohne Leistungsorientierung. Die medikamentöse Therapie besteht bei ihr aus Spritzen, die sie sich alle 2 Wochen selbst gibt, Infusionen (wie häufig bei schubförmigem Verlauf) benötigte sie bisher nicht.
Annette sagt: „Heute ist MS mein bester Freund.“ Wie kann das sein? Auf die Nachfrage einer Zuschauerin antwortet sie: Früher hat sie mit viel Stress gelebt, jetzt ist sie zur Entschleunigung gezwungen und lebt weitgehend stressfrei. Das tut ihr gut. Sie legte noch Wert auf die Feststellung, dass Menschen mit MS kein Mitleid brauchen. Sie hat ihre Krankheit akzeptiert und es geht ihr gut.
An der Diskussion beteiligten sich zahlreiche Besucher*innen, darunter auch Selbstbetroffene. Eine Selbsthilfegruppe für gehörlose MS-Betroffenen wäre wichtig. Leider gibt es den Verein KoFit e.V. nicht mehr, der einen solchen Austausch anstrebte.
Moderation:
Katrin Müller
Gebärdensprachdolmetschen:
Bastienne Blatz, Sandra Wolfien (Skarabee)
Schriftdolmetschen:
Mario Kaul, Cornelia Krajewski
Fotos:
Kofoteam
Ein Auslandsschuljahr in den USA
Fabian Pufhan
(Schüler, Mülheim a. d. Ruhr)
Nach sehr langer Coronapause fand unser erstes Kofo im Oktober 2021 statt. Auch jetzt waren Einschränkungen nötig: Maximal 50 Besucher*innen waren unter Beachtung der 3G-Regel erlaubt – man musste also belegen, dass man geimpft, genesen oder getestet ist. Aber alle Plätze waren besetzt, als Fabian Pufhan mit seinem Vortrag begann.
Er berichtete zunächst über die lange Zeit der Planung, bis er sich – nach Empfehlung eines Freundes (Janos Giuranna) – für die Maryland School for The Deaf in Frederick entschied. Schließlich fand er dort auch durch Janos‘ Vermittlung eine taube Gastfamilie, die ihn zuerst aufnahm. Nach Abschluss der Realschule verließ der 16-Jährige im August 2018 Deutschland. Eine Organisation (ASF Interkulturelle Begegnungen e.V.) hat fast alles organisiert, war aber auch mit 13000 Euro sehr teuer.
Anschließend gab Fabian einen interessanten Einblick in das Leben mit seinen beiden Gastfamilien, berichtete über anfängliche Schwierigkeiten in der Kommunikation, über Schulsystem und Unterricht und natürlich über Sport, bei dem der fußballbegeisterte Fabian sehr erfolgreich war. Viele Fotos bereicherten den eindrucksvollen Vortrag.
Im Anschluss an den Vortrag stellten die Zuschauer*innen viele Fragen. Fabian beantwortete sie ausführlich. Auch seine Mutter Susanne Pufhan stellte sich spontan den Fragen des Publikums. Sie schilderte die Erfahrung eines Austauschjahres aus der Elternperspektive.
Moderation:
Michael Mees
Gebärdensprachdolmetschen:
Bastienne Blatz, Silke Heuser (Skarabee)
Fotos:
Fabian Pufhan, Kofoteam
Eine kurze Reise durch unser Sonnensystem
Robert Jasko
(Geowissenschaftler, Halle)
Schon mehrmals äußerten unsere Besucher den Wunsch, Robert Jasko auf dem Kofo Essen erleben zu können. In diesem Jahr hat es endlich geklappt. Robert hat nach seinem Abitur in Essen Geowissenschaften in Hamburg studiert. Zurzeit ist er Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle und arbeitet dort im Team von Dr. Ingo Barth.
Dieses Kofo stand allerdings im Zeichen der Corona-Krise. Am Eingang war ein Desinfektionsmittel-Spender angebracht, der von fast allen der ca. 60 Besucher benutzt wurde. Auf dringende Empfehlung der Stadt Essen haben wir Kontaktdaten aufnehmen müssen, um später für den Fall einer Infektions-Nachverfolgung das Gesundheitsamt unterstützen zu können. Das war zum Glück nicht notwendig. Ungewohnt war auch der Verzicht auf die übliche Wangenbegrüßung mit Umarmung.
Roberts Vortrag aber war die beste Entschädigung für diese Umstände. Er referierte anschaulich mit interessanten Fotos und animierten Grafiken über die Sonne und ihre 8 Planeten Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun – Pluto gilt seit 2006 wegen seiner Größe nicht mehr als Planet. Unser Sonnensystem ist mit zahlreichen Monden und weiteren Zwergplaneten sehr umfangreich und noch lange nicht ausreichend erforscht. Der Referent stellte auch die Erkundungsflüge von Sonden und die Ergebnisse ihrer Missionen vor. Natürlich interessierte auch die Frage, wo menschliches Leben möglich sein könnte. Zum Schluss überraschte er mit der heutigen Erkenntnis, dass die Sonne kein Stern ist, der fest am Firmament steht, sondern sich wie ein Komet durchs Weltall bewegt und alle Planeten mit sich zieht. In der Diskussion meldeten sich zahlreiche junge Besucher mit Fragen, die Robert kompetent beantwortete.
Der junge Wissenschaftler hat viele interessante Vorträge im Gepäck. Wenn es die Zeiten erlauben, werden wir ihn sehr gerne wieder einladen. Hier seine Themen und Mailadresse.
Moderation:
Katrin Müller
Gebärdensprachdolmetschen:
Bastienne Blatz, Sandra Wolfien (Skarabee)
Schriftdolmetschen:
Mario Kaul, Cornelia Krajewski
Fotos:
Kofoteam
8 Monate mit ERASMUS in Norwegen
Linda Hemmetzberger
(Studentin, Hamburg)
Linda Hemmetzberger berichtete bereits vor 2 Jahren auf dem Kofo über ihr Auslandsjahr in Mexiko. Jetzt war die Biologiestudentin mit Erasmus unterwegs. Sie stellte zunächst dieses EU-Programm vor. Es ermöglicht besonders jungen Erwachsenen ein Auslandssemester oder Praktikum in 34 europäischen Staaten. Man muss es allerdings frühzeitig planen und auch einkalkulieren, dass der Lebensunterhalt z.B. in skandinavischen Ländern teurer ist als bei uns.
Linda hat sich wegen ihres Studiums für Tromsö im Norden von Norwegen entschieden. Die dortige Universität kooperiert mit ihrer Uni in Hamburg und forscht zum Thema Meeresbiologie. Sehr gut gefallen hat ihr der Kontakt der internationalen Studierenden untereinander und zu den Professoren. Es gab auch ein großes Angebot an sportlichen Freizeitaktivitäten, so nahm Linda z.B. regelmäßig an Wanderungen durch die wunderschöne Natur teil. Hundeschlitten-Fahrten und Whale-Watching-Touren wurden in Tromsö ebenfalls angeboten. Auch die kleine Gehörlosengemeinschaft hat sie besucht und dort auch Unterstützung erfahren. Ihr Aufenthalt fiel in die Zeit der Polarnacht von November bis Januar. Sie merkte, wie schwer es ist, während der ständigen Dämmerung den Tagesrythmus beizubehalten. Wichtig war es, weiterhin aktiv zu sein und sich an der frischen Luft aufzuhalten. Bis Februar lag tiefer Schnee und die Temperatur war bei durchschnittlich -15 Grad. Dennoch hat ihr insgesamt der Aufenthalt in Norwegen so gut gefallen, dass sie sich anschließend noch für ein 9-wöchiges Erasmus-Praktikum bei einem norwegischen Polarinstitut beworben hat. Dort war sie die allererste Erasmus-Praktikantin überhaupt!
Während eines 5-tägigen Urlaubs besuchte sie Trondheim und das dortige Gehörlosen-Museum. Imponiert hat ihr, dass hier gehörlose Mitarbeiter präsent sind und hörende Besucher sich zur Abwechslung einmal an taube Menschen anpassen müssen.
Natürlich ist für hörbehinderte Erasmus-Teilnehmer das Problem der Verdolmetschung nicht einfach zu lösen. Linda hatte Verbavoice beauftragt, was Dank einer guten Internetverbindung und englischkompetenten SchriftdolmetscherInnen auch funktioniert hat, aber die Übernahme der Kosten war ein Kampf. Auch um eine Lichtklingel hat sie sich bemüht, die auch genehmigt wurde, aber wegen Schwierigkeiten beim Zoll nie in Tromsö ankam.
Insgesamt aber war der Auslandsaufenthalt eine lohnende Erfahrung!
Moderation:
Katrin Müller
Gebärdensprachdolmetschen:
Bastienne Blatz, Sandra Wolfien (Skarabee)
Schriftdolmetschen:
Ulrike Kretzer, Cornelia Krajewski
Fotos:
Kofoteam
Leben mit Usher
Referenten: Uwe Zelle (Fachberater für Taubblinde, Deutsche Gesellschaft für Taubblindheit)
Sascha Ritter, Karim El Mayati (usher-taubblinde jugend)
Über 60 Besucherinnen und Besucher kamen zu diesem Kofo-Abend im Dezember. Darunter waren auch mehrere taubblinde Gäste mit ihren Assistenten.
Uwe Zelle begann seinen Vortrag mit einer kurzen Vorstellung: Er ist taub geboren, schon früh wurde bei ihm eine Sehbehinderung festgestellt. In seinem Ausbildungsberuf Bauzeichner war er nur kurze Zeit tätig. Er beschloss daraufhin, beruflich und ehrenamtlich mit tauben Menschen zu arbeiten. Dem Kofo Essen, das in diesem Jahr 25-jähriges Jubiläum feiern konnte, fühlt er sich besonders verbunden: Er hat es 1994 mit gegründet.
Heute ist er staatlich anerkannter Gebärdensprachdozent und war an verschiedenen Projekten der RWTH Aachen (Kompetenzzentrum SignGes) und der Universität Köln beteiligt. Aktuell arbeitet er als Mitarbeiter im Projekt DeafMentoring der Universität Köln und als EUTB-Fachberater bei der Deutschen Gesellschaft für Taubblinde (DGfT) in Essen. Außerdem ist er ehrenamtlich im Bereich Taubblindheit aktiv.
Anschließend erklärte der Referent die Arbeit der EUTB (=Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung): Hier findet – in Ergänzung zu anderen Stellen – Beratung „von Betroffenen für Betroffene“ statt, ganz nach den individuellen Bedürfnissen der Ratsuchenden. Das EUTB-Büro für taubblinde und hörsehbehinderte Menschen befindet sich bei der DGfT im Haus der Technik in Essen, die Beratung kann aber auch bei Bedarf bei den Ratsuchenden zu Hause oder über Telefon und Skype durchgeführt werden. Alle Beraterinnen und Berater können gebärden, taktil gebärden und lormen und haben Schweigepflicht. Uwe erläuterte die umfangreichen Beratungsinhalte – man kann sie auf der Website der DGfT (siehe unten) nachlesen.
Dritter Schwerpunkt von Uwes Vortrag war das Leben mit Usher am Beispiel seines privaten und beruflichen Werdegangs. Hier nur wenige Punkte seiner interessanten Schilderung: Obwohl seine Sehbehinderung schon früh festgestellt wurde, erfuhr er erst als 23-Jähriger den Namen: Usher. Bis heute fühlt er sich aber der Gehörlosenwelt und der Gebärdensprachgemeinschaft zugehörig. Besonders durch seine ehrenamtliche Tätigkeit hat Uwe viele Betroffene auf nationalen und internationalen Treffen kennen gelernt. Auch politisch gab es Erfolge: z.B. die Ausbildung der Taubblindenassistenten und die Einführung des Merkzeichens TBl im Schwerbehindertenausweis. So kann er insgesamt ein positives Fazit ziehen.
Anschließend berichteten Karim El Mayati und Sascha Ritter kurz über ihr Leben mit Usher und über die Gründung und Aktivitäten der usher-taubblinden Jugend NRW. Die Gruppe wurde 2016 gegründet und ist beheimatet in Köln und Umgebung. Sie bietet aber gemeinsame Aktivitäten und Austausch für taubblinde und hörsehbehinderte junge Menschen in ganz NRW an. So unternahmen sie z.B. Ausflüge nach Hamburg und Düsseldorf und treffen sich regelmäßig zu Freizeitaktivitäten. Die Form der Kommunikation ist je nach Bedarf unterschiedlich: DGS und taktile Gebärdensprache, Lautsprache und LBG, Lormen und Brailleschrift – Alle sind willkommen. Auf der Website der Gruppe (siehe unten) ist auch ein eindrucksvolles Video über ihre Unternehmungen verlinkt.
In der Diskussion gab es u.a. Fragen zur Ausbildung und Anzahl der Taubblindenassistenten in Deutschland und Europa und insbesondere zu den Aktivitäten und zur Kommunikation der Jugendgruppe.
Links:
EUTB-Beratungsstelle: www.gesellschaft-taubblindheit.de
Usher-taubblinde Jugend NRW: leben-mit-usher.de/usher-jugend
Moderation:
Katrin Müller
Gebärdensprachdolmetschen:
Bastienne Blatz, Sandra Wolfien (Skarabee)
Schriftdolmetschen:
Cornelia Krajewski, Mario Kaul
Fotos:
Kofoteam
AIDS – immer noch eine Gefahr?
Referent: Philipp Wacker
(ehrenamtl. Berater Gebärden-Aids-Team Hamburg)
Rechtzeitig vor dem Welt-Aids-Tag am 1. Dezember wollten wir aktuell über das Thema informieren. Philipp Wacker, unser ehemaliges Kofoteam-Mitglied, arbeitet heute als ehrenamtlicher Berater im Gebärden-AIDS-Team (G.A.T.) Hamburg. Vier ehrenamtliche Mitglieder geben persönliche Beratung in Gebärdensprache und beteiligen sich an Infoständen und Veranstaltungen.
Philipp informierte zunächst über Grundlagen von HIV und AIDS und aktuelle Behandlungsmöglichkeiten. Der Schwerpunkt seines Vortrags lag auf neuen Schutzmöglichkeiten: Safer Sex 3.0; das bedeutet: Es gibt heute 3 Schutzmöglichkeiten:
- Schutz durch Kondome – sie schützen nicht nur vor AIDS, sondern auch vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten.
- Schutz durch Therapie: Wenn ein HIV-positiver Mensch behandelt wird und die Viruslast seit mindestens 6 Monaten unter der Nachweisgrenze liegt und die Medikamente zuverlässig eingenommen werden, schützt die Therapie genauso effektiv vor einer HIV-Übertragung wie Kondome.
- Schutz durch PrEP (Prä-Expositions-Prophylaxe): Wenn man HIV-negativ ist und eine Ansteckung befürchtet, kann man rechtzeitig vor einem Geschlechtsverkehr Medikamente nehmen. Man kann diese Medikamente auch dauerhaft nehmen. Regelmäßige Blutuntersuchungen sind notwendig.
Wichtig ist: Miteinander reden, informierte gemeinsame Entscheidung treffen!
Testmöglichkeiten auf HIV sind heute vielfältig: Neben dem Test beim Hausarzt kann man sich anonym bei der AIDS-Hilfe oder beim Gesundheitsamt testen lassen. Man kann den Test auch selbst zu Hause durchführen. Wichtig ist aber eine gute Beratung – z.B. durch die AIDS-Hilfe.
Hier kann man weitere Informationen erhalten:
www.aidshilfe-hamburg.de/beraten/infoline-gebaerdenteam
Im Anschluss an Vortrag und Diskussion haben wir auf 25 Jahre Kofo Essen angestoßen!
Ohne das Interesse unseres Publikums und die gute Zusammenarbeit mit unseren DGS-Dolmetscher*innen von Skarabee und den Schriftdolmetscher*innen Cornelia Krajewski und Mario Kaul hätten wir es nicht bis hierin geschafft. Herzlichen Dank dafür!
Moderation:
Katrin Müller
Gebärdensprachdolmetschen:
Skarabee Partnerschaft (Skarabee)
Schriftdolmetschen:
Cornelia Krajewski, Mario Kaul
Fotos:
Kofoteam, Philipp Wacker
Armut im Alter? Was sollte man (rechtzeitig) tun? Was bringen Grundsicherung und Grundrente?
Referent: Dirk R. Schuchardt
(Diplom-Verwaltungswirt, Duisburg)
„Töte nicht den Boten!“ Mit diesen mahnenden Worten des griechischen Philosophen Sophokles begann Dirk R. Schuchardt seinen inzwischen vierten Vortrag im Kofo Essen, damit vorausschickend, dass das, was er an diesem Abend zu erzählen haben würde, nicht nur und nicht unbedingt positiver Natur sein werde. In den folgenden zwei Stunden berichtete er einem zunehmend ernüchterten, dem nicht mehr ganz so fernen Renteneintritt eher unbehaglich als erfreut entgegen sehenden Publikum von den nicht immer, aber doch häufig vermeidbaren Ursachen allzu knapper Rente, die ihren Anfang nehmen mit (zu) wenig Bildung, Ausbildung, Fort- und Weiterbildung, mit der sich mancher Arbeitnehmer auf die Dauer selbst ein Bein stellt. Besonders gefährdet sind Frauen, die aufgrund Kindererziehungszeiten und der Pflege älterer Angehöriger oftmals nicht oder nur halbtags bzw. in Minijobs arbeiten, wodurch nur wenig Beiträge in die Rentenkasse eingezahlt werden, und auch in Vollzeitstellen in der Regel weniger verdienen als männliche Kollegen in gleicher Position – eine Ungerechtigkeit, die im Rahmen der Diskussion nicht nur durch das Publikum beklagt, sondern auch durch den Referenten bestätigt wurde: „Die Frauen gehören auf die Straße, um für ihre Rechte einzutreten, so wie die ‚Fridays for Future‘-Bewegung – nur wer laut genug ist, wird von den Politikern gehört.“ Das Eintreten für die eigenen Rechte ist Schuchardt wichtig und er schärfte dem Publikum ein, sie ebenso wie die eigenen Pflichten im Auge zu behalten und nicht aus falschem Stolz, Scham oder Bescheidenheit auf Unterstützungsmöglichkeiten wie die Grundsicherung zu verzichten, wenn absehbar ist, dass die Rente nicht ausreichen wird, um den Lebensunterhalt im Alter zu finanzieren. „Man kann im Leben nicht alles planen“, sagt Schuchardt, „bei aller Voraussicht braucht man immer auch ein Stück weit Glück.“ Ein plötzlicher Unfall, eine schwere Krankheit, der Todesfall des Partners können die gesamte Lebensplanung auf den Kopf stellen und nicht immer findet der gebeutelte Mensch in eine stabile Spur zurück. Wer dann Hilfe braucht, soll und muss sie auch bekommen, betonte der Referent, dessen lebendiger, anschaulicher und mit vielen Fallbeispielen gespickter Vortrag gedolmetscht wurde durch Magdalena Meisen und Sandra Wolfien (beide Skarabee) sowie Cornelia Krajewski und Mario Kaul an den Laptops. Moderiert wurde der Abend von Michael Mees, den wir zukünftig hoffentlich häufiger in dieser Funktion erleben werden.
Moderation:
Michael Mees
Gebärdensprachdolmetschen:
Magdalena Meisen, Sandra Wolfien (Skarabee)
Schriftdolmetschen:
Cornelia Krajewski, Mario Kaul
Fotos:
Ingo Langner (igraphics)
Soziale Isolation bei älteren Gehörlosen
Marcus Willam (Nürnberg)
Mehr als 120 Besucherinnen und Besucher kamen ins Pädagogische Zentrum des Rhein.-Westf. Berufskollegs, um Marcus Willams Vortrag anzuschauen. Der Referent hatte zu diesem Thema bereits 27 gut besuchte Vorträge an Orten in ganz Deutschland gehalten.
Marcus Willam arbeitet hauptberuflich als Arbeitserzieher und nebenberuflich als Pantomime und Schauspieler. Dieses Talent setzte er auch bei seinem Vortrag ein: Gebannt verfolgten die gehörlosen Gäste seinen ausdrucksstarken Bühnenauftritt.
Marcus holte weit aus: Er gebärdete sehr ausführlich über Bevölkerungsentwicklung, Pädagogik, sozialwirtschaftliche Entwicklung, Struktur der Gehörlosengemeinschaft, Entwicklung der Vereine. Damit wollte er wohl seinem Vortrag eine gute Grundlage geben. Aber es ist zu viel, nicht immer sachlich richtig und man verliert das Vortragsthema aus dem Blick. Als er über “Vereine” gebärdete, wurde er deutlich: Nur starke Vereine könnten politisch etwas bewirken – wie die Zukunftsperspektive für gehörlose Senioren verbessern. Er brachte zahlreiche Beispiele für die fehlende Unterstützung: z.B. haben einige Gehörlose kein Problem, lebenslang für den ADAC zu zahlen, auch wenn sie ihn vielleicht nur einmal in Anspruch nehmen, aber ärgern sich, wenn der örtliche Gehörlosenverein die Beiträge um einen geringen Anteil erhöht. Vorständler, die ja ehrenamtlich tätig sind, werden für ihre Arbeit hart kritisiert.
Marcus betonte, dass eine gute Zukunftsplanung besonders wichtig für die Generation der jetzt 30- bis 50-Jährigen ist.
Leider blieb zu wenig Zeit, um solche positiven Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Die letzten Folien der Präsentation wurden sehr schnell vorgetragen.
Schade war auch, dass aus zeitlichen Gründen auf eine Diskussion verzichtet werden musste. Fachleute saßen im Publikum und hätten sicherlich mit ihren Erfahrungen eine wichtige Ergänzung gegeben. Aber – wie wir erfuhren – fand die Diskussion anschließend in alter Tradition in einer benachbarten Gastwirtschaft statt 🙂
Moderation:
Ralf Kirchhoff / Katrin Müller
Gebärdensprachdolmetschen:
Sandra Wolfien, Magdalena Meisen (Skarabee)
Schriftdolmetschen:
Stefan Lange, Cornelia Krajewski
Fotos:
Kofoteam
Plastikmüll – Gefahr in unseren Meeren
Michael Schoch (NABU NRW)
Das Thema war ein Wunsch des Publikums, den wir gerne erfüllt haben.
Michael Schoch arbeitet als Biologie beim NABU NRW.
Der Referent stellte zuerst seine Organisation vor: Den NABU (Naturschutzbund Deutschland) gibt es seit 1966. Er hat 90.000 Mitglieder, bei der Geschäftsstelle in Düsseldorf arbeiten 20 festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Seit Jahren engagiert sich der NABU auch für den Meeresschutz.
Anhand von Fotos und Zahlen zeigte Michael Schoch die enorme Verbreitung von Plastik im Meer:10 Mio Tonnen Kunststoff landen jährlich im Meer. Dazu kommt die lange Abbauzeit: Eine Plastikflasche braucht 450 Jahre, um vollständig abgebaut zu werden.
Die Folgen für die Umwelt sind katastrophal: Tiere verenden, Mikroplastik gelangt über Fische auch auf unseren Tisch. Nicht immer sind es Plastiktüten und –flaschen: 28% des Mikroplastiks kommen vom Reifenabrieb.
Was kann man tun? In der Politik gibt es kleine Fortschritte: Auf EU-Ebene wurde entschieden, Plastikprodukte mit kurzer Lebensdauer abzuschaffen. Die Bundesregierung hat einen 5-Punkte-Plan erstellt.
Außerdem kann jeder dazu beitragen, Plastikmüll zu vermeiden, Flüsse und Strände sauber zu halten. Man kann sich an Aufräum-Aktionen beteiligen. Dafür nannte der Referent zahlreiche Beispiele aus NRW. Schon nach 30 Minuten war der Vortrag zur Überraschung der Zuschauer beendet – dafür war die anschließende Diskussion sehr ausführlich und engagiert. Einige Zuschauerinnen waren bestens informiert und gaben viele Tipps zur Vermeidung von Verpackungs- und Plastikmüll. Kritik gab es auch am Online-Handel: Hier entsteht besonders viel Verpackungsmüll.
Hier kann man viele Informationen noch einmal nachlesen.
Moderation:
Katrin Müller
Gebärdensprachdolmetschen:
Bastienne Blatz, Sandra Wolfien (Skarabee)
Schriftdolmetschen:
Mario Kaul, Cornelia Krajewski
Fotos:
Kofoteam